Definition Trauma und Traumadynamiken

 

„Trauma wird als unvollständige Antwort des menschlichen Organismus auf ein überwältigendes Ereignis, bei dem weder Kampf noch Flucht möglich sind, definiert. Es entsteht dann, wenn nicht ausreichend Ressourcen  vorhanden sind, um dieses Ereignis zu verarbeiten und zu integrieren. Die Auslöser können dabei vielfältig sein. Ob es zu einer Traumatisierung kommt, ist auch abhängig von der  Konstitution des Betroffenen und vor allem von dessen inneren und äußeren Ressourcen. 

Die ersten Reaktionen bei einem Trauma sind instinktiv, im Hirnstamm wird eine außergewöhnliche Energiemenge frei, die uns manchmal unvorstellbar körperliche Leistungen ermöglicht und oft lebenserhaltend ist. Ist es dem Organismus aber nicht möglich diese Ladung an Energie aufzubrauchen, weil die natürlichen Reflexe keinen Ausdruck finden, weil flüchten oder kämpfen nicht möglich sind, so kommt es zu einem Zustand höchster Erregung - gekoppelt mit gleichzeitiger Erstarrung. Unsere Seele und unsere Erinnerung zersplittert regelrecht. Die Traumaenergie erstarrt mit Organismus und wird neurophysiologisch eingespeichert, sie "friert" im Körper ein, denn "der Leib ist der Ort, an dem Erleben stattfindet" (Schwarze/Fischer, S. 28)

Die geballte Ladung bleibt quasi im Nervensystem stecken und kann über Jahre zu den vielfältigsten Symptomen führen: Unruhe, chronische Verspannungen, Angst und Panik, Herzrasen, Aggression, chronische Schmerzen, Schlafstörungen, Amnesien, Depression und vieles mehr können dann die Folge sein. Starke Traumata gehen auch häufig mit der Abspaltung von den eigenen Gefühlen einher (Dissoziation). Viele psychiatrische Erkrankungen wie zum Beispiel die Borderline Störung, die Essstörung u.a. haben häufig ihre Wurzel in einem oft über Jahre traumatisierenden Umfeld.


Peter Levine, einer der führenden Traumaforscher, ist der Frage nachgegangen, warum Tiere in freier Wildbahn so gut wie nie traumatisiert werden, obwohl sie ständigen Gefahren ausgesetzt sind und er konnte dabei folgende Beobachtung machen: Ein Beutetier, das Gefahr wittert, wird zuerst einmal flüchten. Erst wenn der Jäger seine Beute erreicht, also unmittelbar vor dem  herannahenden Tod fällt das Tier in eine Erstarrung, die einerseits die allerletzte Überlebensstrategie darstellt, denn tote Beute ist im Tierreich oft uninteressant und andererseits das Tier in einen veränderten Bewusstseinszustand bringt, in dem es keinen Schmerz spürt, sollte es dennoch gefressen werden (Levine 1998).    


Die Traumadynamik beim Menschen unterscheidet sich nicht wesentlich davon. Die  unwillkürlichen, instinktiven Bereiche des menschlichen Gehirns sind faktisch identisch mit den betreffenden Arealen bei den Säugetieren und Reptilien. Der Schlüssel zur Heilung von Traumasymptomen liegt daher in unserer Physiologie, ähnlich einem wildlebenden Tier, ist es auch für den Menschen von großer Wichtigkeit nach dem  Abklingen der akuten Traumasituation wieder aus der Immobilität und Erstarrung heraus zu kommen und seine volle Bewegungs- und Handlungsfähigkeit wieder zu gewinnen.
 Ein Tier, das der Gefahr entkommen ist, schüttelt sich heftig ab und geht dann seinen üblichen Tätigkeiten wieder nach. Durch die meist unbewusste Einmischung unseres  Bewusstseins werden diese natürlichen Reaktionen unterbunden und die Traumareaktion kann keinen positiven Abschluss finden. Im menschlichen Organismus bleibt eine Überladung im Nervensystem zurück, und das oft über Jahre und Jahrzehnte.  

Die komplexe Traumasymptomatik verlangt deshalb nach einem speziellen Zugang mit Einbeziehung des Körpers und des vegetativen Nervensystems. Die Methode ermöglicht, dass die in den Symptomen gebundene Energie freigesetzt und zur Heilung genutzt werden kann. Die zerbrochenen Verbindungen zum Selbst, zum Körper und seinem Selbstheilungspotential, zu den eigenen Reserven und Fähigkeiten und zur Gegenwart werden wieder hergestellt.
Im Zuge des Prozesses können traumatisierte Menschen lernen, sich in ihrem Körper wieder sicher zu fühlen und den Alltag besser zu bewältigen. 

So gesehen ist die Traumasymptomatik keine Erkrankung, sondern ein Versuch des Organismus mit der Überladung des Nervensystems fertig zu werden." (S. Wieltschnig, Wien)